Morgen oder Abend: Verrät es das Foto?
Die Sonne steht zweimal am Tag im selben flachen Winkel, und ein stilles Bild gibt selten zu, von welchem Ende des Tages es stammt.
Geometrisch sind die beiden Stunden fast Zwillinge. An ein und demselben Tag kreuzt die Sonne den Horizont morgens und abends im gleichen Winkel, sodass die Länge der Schatten und die Wärme des flachen Lichts sich nahezu genau wiederholen. Fotografen wissen seit Langem, dass ein als Sonnenuntergang beschrifteter Sonnenaufgang kaum je korrigiert wird, und die meisten Wallpaper-Sammlungen mischen beides, ohne dass es jemandem auffällt.
Die Hinweise stecken eher in der Luft als in der Sonne. Nach einer klaren Nacht ist der Boden abgekühlt und die bodennahe Luft oft ruhig, also bringt der Morgen Nebel in den Tälern, Tau im Gras und Seen, die glatt genug für ein Spiegelbild sind. Der Abend folgt auf einen Tag voller Erwärmung, Wind und Verkehr, die Staub und Dunst aufwirbeln, und das ist ein Grund, warum Abendhimmel öfter in tiefes Orange und Rot kippen, während der Morgen blasser und etwas klarer wirkt. Dazu kommen die kleinen Indizien: Straßenlaternen, die noch brennen, leere Straßen, eine Reifschicht, über die noch niemand gegangen ist.
Nichts davon ist sicher, und ein dunstiger Morgen oder ein vom Regen gewaschener Abend kann die Zeichen vollständig vertauschen. Ob das Licht kommt oder geht, bringt der Betrachter selbst ins Bild mit, und so kann dasselbe Motiv um acht Uhr morgens wie ein Anfang wirken und um sechs Uhr abends wie ein Schluss. Für einen Bildschirm, den man zu beiden Tageszeiten aufklappt, ist diese Unentschiedenheit vielleicht die nützlichste Eigenschaft, die ein Foto haben kann.