Kronenscheu: die Lücke zwischen Nachbarn
Schaut man in bestimmten Wäldern senkrecht nach oben, ist das Kronendach mit einer Handbreit Himmel zwischen jedem Baum gezeichnet.
In manchen Beständen hören die Blätter auf, bevor sie einander berühren. Blickt man in einer Kampferbaumpflanzung nach oben, in Eukalyptus, in Drehkiefer, halten die Kronen zehn bis fünfzig Zentimeter Abstand, und der Himmel kommt als Netz schmaler Kanäle durch, das der Umrisslinie jedes Baumes folgt. Forstleute nennen es Kronenscheu; der Name ist älter als die Erklärung. Die Lücken sind so beständig, dass man die Grundstücksgrenze eines Baumes über sich umrunden kann, ohne zu wissen, zu welchem Stamm sie gehört.
Zwei Mechanismen werden meist genannt, und vermutlich wirken beide. In windexponierten Beständen scheuern die äußeren Zweige schlicht aneinander, und die Knospen, die den Ast verlängern würden, brechen ab, bevor sie sich öffnen; nach einem Sturm liegen die abgeriebenen Triebspitzen am Boden. Der andere ist optisch: Ein Blatt liest das Dunkelrot, das vom Laub des Nachbarn zurückgeworfen wird, als Hinweis, dass der Platz vergeben ist, und das Wachstum wendet sich anderswohin. Das eine ist mechanischer Schaden, das andere eine Pflanze, die die Farbe des Lichts liest und verzichtet.
Von unten fotografiert, ist es eines der wenigen Waldmotive, die wirklich flach sind. Alles liegt ungefähr gleich weit vom Objektiv entfernt, das ganze Bild bleibt scharf, und die Aufnahme ordnet sich von selbst in zwei Töne: das Grün, das sich herandrängt, und die helle Naht, die nicht zugeht. Auf einem Bildschirm arbeitet diese Naht, denn sie gibt dem Auge einen Weg, ohne zu verlangen, dass es etwas Bestimmtes ansieht.